So beginnt die Geschichte über die Zeit vor der Gründung des Staates Israel. Der Holocaust wütet und lässt die Menschen im fernen Palästina nicht unbeeindruckt. Dann sind da noch die Araber, die die jüdischen Siedler in ihrer Nähe nicht haben wollen. Es kommt zum Krieg mit ihnen. Die Lebensbedingungen in Palästina sind schwierig. Der Boden muss erst urbar gemacht werden. Was wächst in diesem Land, das so ganz anders ist als die europäische Heimat?
Wir begleiten nicht nur Bella und Markowitz durch diese aufregende Zeit, sondern auch ihre Nachbarn, etwa Seev Feinberg mit seinem Schnauzbart, der stets seine Stimmung verrät und seine geliebte Frau Sonia, die so richtig vor Liebe fluchen kann. Und dann gibt es noch den Irgun-Vizechef Efraim, der mit Feinberg auf dem gleichen Schiff in die neue Heimat fuhr und nun stellvertretender Kommandeur der Nationalen Militärorganisation ist. Sie alle sind auf der Suche nach Liebe, Vergessen und einer Heimat, in der sie sich sicher fühlen können.
„Die ersehnte, unerträgliche Selbstverständlichkeit der Polen oder der Deutschen oder der Österreicher war unnachahmlich. Sogar hier, in Palästina, war sie unverwechselbar. Kam ein ausländischer Gast ins Café, erkannten ihn alle auf der Stelle. Er trank seinen Kaffee nicht irgendwie anders, putzte sich auch nicht überaus anmutig die Nase mit dem Taschentuch. Aber die Tatsache, dass er sich völlig wohl in seiner Haut fühlte, wehte ihm wie ein Banner voraus, und man sah es auch an seinen Schultern, die nur die Last des eigenen Lebenswegs, seiner eigenen Erinnerungen zu tragen hatten und keine zweitausend-Jahre-Verbannung-und-wer-weiß-was-noch-kommen-mag. (…) Dann wanderten verstohlene Blicke zu den Gästen an den Nebentischen, die selbst dann, wenn sie allein dasaßen, immer noch Ermordete der Pogrome und Opfer der Inquisition und aus Spanien Vertriebene und Aufständische gegen die Römer neben sich sitzen hatten (…).“ (S. 132)
Die israelische Autorin beschreibt jüdische Heimatlosigkeit, die Brüchigkeit jüdischer Schicksale und die Sehnsucht nach dem kleinen Glück. In den persönlichen Lebenswegen wird die Geschichte eines ganzen Volkes greifbar, das Scheitern, das Ankommen, die Hoffnung. Die Geschichte wird aus rein jüdischer Perspektive geschildert, so dass die Jagd auf Nazis und die Vertreibung der Araber als Notwendigkeiten erscheinen. Neben aller Historie erzählt Gundar-Goshen in ihrem ersten Roman die Geschichte gewöhnlicher Menschen, die sich nur geliebt fühlen wollen. Das macht sie so anrührend. Eine einzige Sache befremdet mich an der Erzählweise der Autorin: sie erscheint mir übersexualisiert. Es gibt keine Seite in diesem Buch, in der nicht geschildert wird, was Männer sich über bestimmte weibliche Körperteile denken oder dass Frauen in Lust erglühen. Ist das eine Metapher für die Notwendigkeit, jeden Tag nutzen zu müssen, als wäre es der letzte, weil die Zukunft so ungewiss ist? Das sagt man der israelischen Lebensweise bis heute nach. Meinen Lesefluss hat das etwas gestört.
Der Roman macht große Historie im Kleinen sichtbar und nimmt uns mit in das gelobte Land Palästina. Ein bewegendes Buch über die Entwurzelung europäischer Juden und ihren Neuanfang.
Eine Nacht, Markowitz, Ayelet Gundar-Goshen, aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama, Kein & Aber Verlag, Zürich – Berlin 2013/2015, 432 Seiten, 14,00 EUR
(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen