Der Band vereint 11 Kurzgeschichten, die sich 11
verschiedenen (fiktiven) Frauen widmen, die in den 1920er Jahren in den USA
lebten. Teilweise seien die Figuren autobiografisch angehaucht, wie dem Nachwort
von Felicitas von Lovenberg zu entnehmen ist, etwa die Beschreibung der
Hauptfigur in „Die erste Revuetänzerin“ (S. 39 ff). In demselben Nachwort ist
Frau von Lovenbergs Ansicht zu lesen, es handele sich in den Geschichten durchweg
um Frauen, „die sehr selbstbewusst auftreten und sich ihrer selbst sehr bewusst
sind“ (S. 205). Ich muss sagen, das war eher nicht mein Eindruck. Aber vielleicht
messe ich die Geschichten zu sehr am Frauenbild des 21. Jahrhunderts.
Die geschilderten Frauen stammen aus reichen und armen
Familien, leben in der Stadt oder auf dem Land, sind also sehr unterschiedlich.
Ihnen ist aber gemeinsam, dass sie zumeist von männlichen Verehrern umgeben
sind oder sein wollen, das Heiraten zu ihren festen Zielen gehört oder sie
verheiratet sind und ihr Leben dadurch geprägt wird. Ein Leben unabhängig von
einem Mann scheint selbst den begüterten Frauen nicht vorzuschweben. Einige der
Frauen arbeiten. Dennoch erscheinen mir so gut wie alle Frauen – vielleicht mit
Ausnahme der Ballerina Belanova in „Andere Namen für Rosen“ – etwas dümmlich,
ungebildet, schwach und naiv. Manche sind durchsetzungsstark, etwa Gracie in „Unsere
Leinwandkönigin“, jedoch eher auf dummdreiste Weise, für die ich mich fast
fremdschäme. Kaum eine ist in der Lage, ihren beruflichen oder sonstigen
Lebensweg konsequent zu verfolgen und darin erfolgreich zu sein. Das scheint
den Männern vorbehalten zu sein – wenn es in den Geschichten davon jedoch auch
einige wenig glänzende Exemplare gibt.
Aus meiner Sicht kommt es bei den Geschichten jedoch auch
gar nicht so sehr auf eine Handlung oder tiefe Charakterisierung der Figuren
an. Die Stärke der Erzählungen liegt vielmehr in der Kreation einer Stimmung,
eines Bildes der Ära und in der besonderen Sprache, die Zelda Fitzgerald
verwendet. In allen Erzählungen wird das Bild vermittelt, dass es in den 20er
Jahren, der Ära des Films und der Revuetheater, um die Inszenierung des Lebens
ging. Der äußere Schein war ausschlaggebend, die Kleidung, das Auftreten auf
den richtigen Partys und mit den richtigen Leuten. Was hinter der Fassade
passierte, interessierte niemanden, sofern es nicht den Weg in die Klatschspalten
der Zeitungen fand. Entsprechend oberflächlich bleiben die Schilderungen der
Frauengestalten. Es geht Zelda Fitzgerald nicht um echte Gefühle und tiefe
Motive. Es geht um das Flatterhafte, Vergängliche, für das diese Zeit berühmt
wurde.
„Das Auffälligste an Gay war ihre Art; man hatte fast den Eindruck, sie spiele sich selbst. Ihre Kleider und ihre Juwelen waren von ausgezeichneter Qualität, schmückten sie jedoch nur oberflächlich wie Lametta und Kugeln einen Weihnachtsbaum. Das kam daher, dass sie selbst von unheimlich guter Qualität war und nichts zu verbergen hatte als ihre Vergangenheit. (…) Als ich sie zum ersten Mal sah, saß sie im Japanischen Garten des ‚Ritz‘ und aß Himbeeren mit Sahne.“ („Die erste Revuetänzerin“; S. 39)
Die Geschichten werden von einem allwissenden Erzähler
berichtet, der für meinen Geschmack etwas zu moralisch überlegen wirkt, weil
nur er die wahre Natur der Heldinnen durchblickt. Die Handlung der Geschichten
ist eher Kulisse, bleibt teilweise flach. Dafür ist aber die Sprache der
Autorin ein Feuerwerk! Da gibt es am laufenden Meter herrlich bildhafte
Formulierungen wie diese:
„Die vertrocknete Verbitterung hing hinter Miss Ellas Augen wie Knoblauch an einer Schnur über einem offenen Feuer.“ („Miss Ella“, S. 131)
Das Buch ist aus
historischer Sicht interessant und würdigt das Schaffen von Zelda Fitzgerald,
die zu Lebzeiten stets im Schatten ihres berühmteren Ehemannes gestanden hat.
Die Geschichten sind ganz amüsant, aber selbstbewusste Frauen stelle ich mir
anders vor.
Himbeeren mit Sahne im Ritz, Zelda Fitzgerald, aus dem amerikanischen
Englisch von Eva Bonné, Penguin Verlag in der Verlagsgruppe Random House,
München 2019, 224 Seiten, 10,00 EUR
(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher
Erlaubnis des Verlags.)
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